Dienstag, 29. November 2011

ENERGIEMARKT

   A.    SKALIERUNGSSTRATEGIE     
   Immer größer & zentral

Kohle- und Atomstrom, die wir hierzulande im Wesentlichen von vier Energieversorgern beziehen, sind in einem historisch gewachsenen Energiemarkt groß geworden.
Die Spielregeln für diesen Markt haben sich über Dekaden hinweg gefestigt. Seit der Industrialisierung, mit den Erfindungen von Edison und Tesla angefangen, über die Nachkriegszeit, mit Beginn der friedlichen Nutzung der Kernenergie, hat sich wenig an den Strukturen geändert. 

Massenversorgung mit bezahlbarem Strom samt Technologie, Anlagen und Infrastruktur waren stets so kostenintensiv und so komplex, dass nur große Konzerne die Versorgung der Bevölkerung bewältigen konnten. Immer größere und damit auch effizientere Kraftwerke manifestierten das Prinzip der zentralen Energieversorgung und damit zwangsläufig auch die damit entstandenen Oligopole.
Konzepte, die mit der Effizienz von Großkraftwerken Schritt halten sollten, mussten dementsprechend auf dieselbe Größe skaliert werden.




Desertec Solarprojekt

Das Solarprojekt Desertec in der Sahara ist auf eine solche Größe aufgepumpt worden. Es soll bis zum Jahr 2050 15% des europäischen Strombedarfs4 produzieren.
Hauptkritikpunkt an diesem Projekt ist die politische Abhängigkeit von Staaten, denen wir unsere Energieversorgung fortan anvertrauen müssen. Ähnlich wie die OPEC-Staaten oder Rußland heute die Energiepreise bestimmen, könnten in Zukunft die südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeeres die Konditionen vorgeben.

Hinzu kommen die Zweifel an der neuerlichen Entwicklung eines Energiemonopolisten, Desertec selbst. Auch hier kann sich ein markt- und preisbeherrschendes Unternehmen entwickeln.
Die zentrale Energieversorgung zeigt sich durch Megaprojekte und Großkraftwerke als Hauptmerkmal des alten und des kommenden Energiemarktes. Wenige Versorger beherrschen den Großteil des Strommarktes. Den Konsumenten bleibt aufgrund der wenigen Konkurrenzunternehmen kaum Auswahl, um mit einem Anbieterwechsel Druck auf ihre Energieversorger auszuüben und damit Einfluss auf den Strompreis zu nehmen.

  B.    DIFFERENZIERUNGSSTRATEGIE  
  Modul, Träger - Solarsymbiose

Eine Solaranlage amortisiert sich, wirtschaftlich wie energetisch, nach etwa zehn Jahren. Das Modul selbst ist schwer und sperrig. Technologie und Wirtschaftlichkeit geben also einen festen und beständigen Ort vor, an dem eine Anlage installiert wird. Charakteristisch für alle Anwendungsorte ist damit ein beständiger Träger für das Solarmodul, eine eigens angefertigte Konstruktion oder ein bereits vorhandener Träger wie etwa ein Dach.

Neben dem vertrauten Bild des Solardachs sind in der deutschen Solarbranche natürlich auch Solarparks etabliert. Wie bei Desertec ‒ nur in viel kleinerem Umfang ‒ werden die Solarflächen auf eigens angefertigte Träger mit massiven Konstruktionen aus Tonnen von Stahl und Beton montiert.

Das Solardach

Hierzulande gehören Solarkollektoren aber vielmehr auf das Dach des LBS geförderte Einfamilien-Hauses, den Kuhstall, das Fabrikdach oder die Bürgersolaranlage auf Turnhallendächer und Dorfgemeinschaftshäuser. Das Dach ist zum Symbol der heimischen Solarenergie geworden. Es steht für verlässliche Planbarkeit, ökologisch genutztes Eigentum, Einsparung aufwändiger Fundamente (z.B. bei Solarparks) und die Nutzbarmachung bisher ungenutzter Orte.

Solarprojekte an Autobahnabschnitten, auf energieautarken Almhütten, Bushaltestellen oder Parkuhren runden die Anwendungsvielfalt von Solarmodulen ab. Das alles geschieht auf Basis von industriell gefertigten Modulen, für die ein Ort (Dach) oder eine Konstruktion (Solarpark) gefunden wird. Der Lösungsraum für Solaranwendungen wird auf diese Weise ausdifferenziert, die Nischen gefüllt.

Die Schlichtheit dieser Systematik ist bestechend einfach, die Vielfalt der daraus entwickelten Lösungen täuscht jedoch über die Eingleisigkeit dieser Differenzierungsstrategie hinweg.
Alle Anwendungsorte die für Solarmodule gewählt werden, wirken dabei wie ein Wirt in einer Symbiose. Die Solaranlage, der Symbiont, indes ist lebenslang an den Wirt gebunden und ohne ihn nicht lebensfähig.

  C.    NEUE WERKZEUGE  
  Für flexible Lebenskonzepte

Während Wasserkraft auf dem Energiemarkt etabliert ist, das Potential aber weitestgehend ausgeschöpft bleibt, stehen Kohle- und Atomstrom auf festem Fuße. Von Nischenlösungen einmal abgesehen (Dezentrale Kraftwerke), fordert der historisch gewachsene Energiemarkt immer noch hohe Investitionssummen und viel Know-how. Das Gefüge der Skalierungs- und Zentralisierungsstrategien ist stabil. Wie erwähnt schränkt dieser Umstand in der Folge den Wettbewerb ein.

Windkraft bringt an dieser Stelle den festen Fuß ‒ auf dem Kohle- und Atomstrom stehen ‒ nun allmählich ins Wanken. Das Prinzip der zentralen Energieversorgung bleibt aber unangetastet, weil Repowering, das Umrüsten alter Anlagen durch neue, und Offshore Windparks mit hohen Investitionen verbunden sind.

Dagegen steht die Solarenergie selbst mit groß angelegte Solarparks im Schatten dieses Wettbewerbs um hohe Effizienz und Massenversorgung.
Die Anwendungsräume für Solarmodule sind stark ausdifferenziert, die sinnvollen und massentauglichen Nischen besetzt. Effizientere Lösungen als Solarparks und Solardächer sind dem Anschein nach unter dem Ansatz einer symbiotischen Lösungssuche (Modul und Träger) kaum zu erwarten.

Beständigkeit

Eine durchschnittlichen Ehe dauert 13,9 Jahre5. Die Verweildauer beim Arbeitgeber erreicht im Schnitt 10 Jahre6. Solaranlagen benötigen ähnlich „viel“ Zeit bis sie sich amortisieren. Kann Solarenergie mit ein-, zweihunderttausend subventionierten, privaten Solaranlagen zur echten Massenversorgung beitragen?

Das Solardach besitzt zwar das rechnerische Potential weite Teile der Bevölkerung zu versorgen - immerhin wohnen 40% der Deutschen unter ihrem eigenen Dach7 - aber diesem Anspruch werden Solardächer wahrscheinlich nie gerecht.
Bei weitrechenden Entscheidungen im Leben eines Menschen ist die  Solarversorgung nebensächlich. Denn wer kümmert sich schon um eine Solaranlage, wenn ein Berufs-, Partner- oder Wohnungswechsel ansteht?

Hängt der Erfolg privater Solarenergienutzung von glücklichen Familien ab? Ohne Scheidung, ohne berufliche Neuorientierung, dafür aber mit Einfamilienhaus samt Solardach?

Wie also kann die Photovoltaik einem breiten Publikum eröffnet werden?

Neue Werkzeuge

Die Energielandschaft hat in den letzten 10 Jahren neue Werkzeuge erhalten. Dezentrale Energieversorgung, Blockheizkraftwerke, Biogasanlagen, Bürgersolaranlagen, Energiegenossenschaften und grüne Investmentfonds gehören zu den Mitteln, mit denen sich aktive Bürger an der Energiewende beteiligen können. Es ist also durchaus möglich, sich in Energieprojekten zu engagieren und gezielt in grüne Technologien zu investieren. Dieser vorbildliche Einsatz für die Umwelt ist jedoch nicht ohne weiteres auf den Massenmarkt zu übertragen, da dieses Engagement in seiner Konsequenz ein ausgereiftes und detailliertes Umweltverständnis erfordert.

Umweltfragen sind nun mal nicht Jedermanns Interesse. Der passive Bürger bevorzugt die vertragliche Bindung an seinen Stromversorger: Vertragslaufzeit zwei Jahre. Sonderkündigung bei Umzug. Zahlung per Lastschriftverfahren.
So darf es sein.
Strom sparen, intelligente Stromzähler und grüne Stromanbieter sind in diesem Zusammenhang Werkzeuge, auf die der Verbraucher zurück greifen kann, wenn diese Möglichkeiten massenfähig kommuniziert werden und so ihre Wirkung zeigen.

Ein massentaugliches Energiekonzept muss sich unauffällig in das Lebenskonzept der Menschen einfügen. Denn nicht der aktive Bürger ist das Maß der Dinge, sondern das Energiekonzept mit der weitesten Verbreitung.

Es stehen Mittel und Werkzeuge zur Verfügung, die vielfältige und flexible Lebenskonzepte mit umweltbewusster  Energieversorgung verbinden können. Nur darf man sich nicht darauf verlassen, allein den technischen Lösungsraum auszuschöpfen, um nachhaltigen Strom auf Massentauglichkeit zu trimmen. Erst das Reservoir an Möglichkeiten aus Technik, Strategien und Organisationsstrukturen zusammen ist groß genug, um das festgefügte Verständnis von bisherigen Energieanwendungen zu wandeln. Vernetzungsmöglichkeiten finden sich im gesamten Kulturraum.

Und dieser Raum ist bei weitem nicht ausgeschöpft.

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