Donnerstag, 1. Dezember 2011

DIE SCHNEEBESEN PERSPEKTIVE

  ÜBER CULTURE FORMING    


Ein hochwertiger Schneebesen gibt auf Grund seines Materials, seiner Verarbeitung und seinem Markenbranding viele Informationen preis. Somit kann der Konsument den Schneebesen nutzen, um beispielsweise seinen sozialen Status oder seine sozialen Ansprüche zu kommunizieren.

Basiert der Schneebesen jedoch auf einem anderen technischen Funktionsprinzip (Drähte mit Kugeln, statt Drahtbögen) pocht der Nutzer möglicherweise darauf, besondere individuelle Eigenschaften seiner Persönlichkeit zu betonen. Der geringe Symbolwert eines Schneebesens versteht sich jedoch erst präziser, wenn er in Zusammenhang mit dem „Subsystem Küche“ abgebildet wird.
Aber das ist alles nur eine Frage der Perspektive. Vielleicht möchte der Nutzer einfach nur rühren!


Nun, der Schneebesen gehört vielleicht nicht zu den prägendsten Kulturobjekten des Menschen. Das könnte darauf hindeuten, dass an dieser Stelle eine Sinndiskussion leicht zu Unsinn führt. Und eine Produktanalyse, wenn es darum geht einen weiteren Schneebesen auf den Markt zu werfen, schnell recherchiert ist. Eigentlich muss ein Produktkonzept in diesem Fall nur noch kopiert werden.

Schließlich "gibt es ja schon alles" und "dieses oder jenes wurde schon alles mal probiert". Deshalb greift man auf "Bewährtes" zurück, denn "da kann man nichts falsch machen" und "man muss ja nicht immer gleich das Rad neu erfinden". - Willkommen in der Diskussion, liebe Totschlagargumente!
Dennoch, wir beschäftigen uns doch noch einmal mit dem offensichtlichen Unsinn und fragen nach dem Urwesen des Schneebesens.

UNSINN

Logischerweise muss jede Idee, jedes Produkt und jede Technologien unserer Kultur irgendwann seinen Ursprung gefunden haben. So auch der Schneebesen. Dieser hat sich im Geäst der Weiterentwicklungen, der Produktevolution letztendlich so geformt wie wir ihn heute kennen.

So ist der Schneebesen der frühe Urahn des Küchenmixgerätes. Der Mixer und der Schneebesen sind Abkömmlinge des Quirls und dieser wiederum der Enkel des Kochlöffels - das Ur-Kochartefakt des Menschen. Dieses Artefakt wiederum ist Abkömmling des archaischen Stocks, mit dem auch schon andere Hominiden ihr Fleisch über der Feuerstelle garten.


ALLES ANDERS

Es hätte auch ganz anders kommen können. Irgendwann in der Entwicklungsgeschichte des Menschen, vielleicht vor hundert Jahren oder schon vor zweitausend Jahren, hätte jemand den Kamm, oder eine Bürste mit harten Borsten zum Rühren verwenden können. Jemand hätte einen Rechen, eine Harke oder den Schaber weiter entwickeln können. In unserer Kultur gäbe es nie einen Schneebesen.

Wahrscheinlich wäre er weder reich noch berühmt geworden (genauso wenig wie der Erfinder des Schneebesens). Aber er hätte einen für unsere Kultur üblichen Archetypus mit einem Wiedererkennungswert von 100% entwickelt. Ein Archetypus von vielen in unserer Kultur, die uns jeden Tag still und leisen, sagen wer wir sind und wo wir herkommen

BELASTET

Sich einen Kamm oder ein Harke im Rührteig seines Kuchens vorzustellen, mag nicht jeden überzeugen. Denn einen Kamm vermutet man eher in den Haaren und die Harke eher im Gartenhaus.

Also ist es nicht der Willkür zu Schulden, dass es ausgerechnet der Schneebesen in die Küche geschafft hat. Von seiner Form her ist er eine wahre Jungfrau - kulturell gänzlich unbelastet. Von seiner Funktion her für alles außerhalb der Küche nutzlos. Niemand käme auf die Idee, mit ihm die Zähne zu putzen oder Unkraut zu jäten. Und wer einen Schneebesen im Gartenhaus sieht, weiß sofort, dass mit dem Gärtner etwas nicht stimmt.

AUSRANGIERT

Die Dinge, die durch den Menschen entstehen, kleben zu Weilen an den kulturellen Vorstellungen seiner Zeit wie der Teig am Schneebesen. Und genauso rigoros werden mit fortschreitender kultureller Entwicklung regelmäßig alte Artefakte wieder ausrangiert. Oder wann haben sie das letzte mal mit einem Stück Ast den Eischnee unter ihre Mousse au Chocolat gerührt?

Dieser Diskurs über Küchenhandgeräte klärt bisher noch nicht, warum sich gerade die überaus ungewöhnliche Gestalt des Schneebesen im Wesen der Kultur so festgesetzt hat. Es ist überaus mühsam jeden einzelnen Drahtbügel vom fest getrocknetem Teig zu befreien und er lässt sich genauso ungelenk abtrocknen. Verglichen mit einem Löffel fügt er sich auch nur sehr widerwillig in eine Schublade ein.

Sicher, man verzeiht dem Schneebesen seine Macken. So oft kommt er ja nun nicht zum Einsatz. Aber längst hätten Unmengen alternativer Küchengeräte dem wabbeligen Drahtbesen seinen Arbeitsbereich streitig machen müssen. Selbstreinigende und autonom rührende Ultraschallstäbe, die man nur in die Melange zu werfen braucht. Oder vielleicht könnte Karbonbesen mit Handgelenksdämpfung die Gegnerschaft antreten.

Doch es ist ein Vergleich wie der Weltraum-Kugelschreiber zum Bleistift. Hohe Investitionen und High-Tech erreichen manchmal nur das, was schon längst da ist. Schließlich geht es ja um das, was man erreichen will und nicht um die Technik, die dazu notwendig ist. Der Bleistift schreibt in Schwerelosigkeit - für nicht mal fünfzig Cent.

Es scheint ,als ob die Küche ein sich nur langsam veränderndes und traditionsbewusstes Refugium ist. Eine Enklave der Kultur, an der revolutionäre Umwälzungen sang und klanglos vorbei schreiten. Die sich allenfalls etwas Elektrizität für die ganz erschöpfenden Aufgaben zu Nutzen macht und Maschinen wie den Mixer erlaubt.

Nein, das kann man wohl nicht sagen, bei Zwiebel-Schälmaschinen und batteriegetriebenen Milchschäumern. Aber warum ist der Schneebesen so Eindrucksvoll?



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